Glasmurmeln, ziegelrot
Von Karl Rühmann
Ein einfühlsamer und prägnanter Roman über das Aufwachsen unter einem autoritären Regime, in dem das Erzählen von Geschichten zum Mittel des Überlebens wird.
»Vielleicht hätten wir das Kind doch nicht retten sollen. Vielleicht hätten wir es und diese Spionin einfach ausliefern sollen. Unsere ostdeutschen Freunde wären uns sehr dankbar gewesen«, sagte er und versuchte mit dem Blick den Rauch einzufangen, der zur Decke hinaufschlich. »Aber vielleicht können wir unseren Fehler noch korrigieren.«
Das Kind wächst während des Kalten Krieges in einem osteuropäischen Land auf, als Fremdes von seinen Mitschülern gehänselt und von der Staatsmacht schikaniert. Es gibt vieles, was das Kind nicht verstehen kann und auch nicht verstehen soll. Um damit fertig zu werden, zieht es sich in seine Sprache zurück, die nur es selbst und die Mutter einschließt. Es verwandelt alles in Geschichten und schafft so aus Bedrohlichem Interessantes, aus Ungewissem Vertrautes.
Mit der Zeit gewinnt das Kind immer mehr Sicherheit mit seinen Geschichten und somit auch mit einer Realität, die die Menschen mit hohlen Phrasen und absurden Regeln gängelt.
Karl Rühmann gelingt es in diesem Episodenroman, prägnante Sprachbilder für die Welt seiner Hauptfigur, die er »das Kind« nennt, zu formulieren. Zugleich zeichet er in feinen Szenen die Wirkungsmacht der Fantasie.
Key Facts:
Verlag: Rüffer und Rub, Zürich (2018)
Sprache: Deutsch (Materialien auch auf Englisch und Französisch verfügbar)
Genre: Belletristik
Themen: Kindheit unter autoritärer Herrschaft; Fantasie als Überlebensstrategie; Identität und Zugehörigkeit; Resilienz
Veröffentlichte Übersetzungen: Kroatisch
Weitere Übersetzungsrechte: verfügbar
Über Karl Rühmann:
Karl Rühmann ist Autor, Übersetzer und Literaturwissenschaftler. In seinen Romanen und Essays beschäftigt er sich mit dem Verhältnis von Erinnerung, Wirklichkeit und Erfindung sowie mit Fragen von Sprache, Identität und Verantwortung. Neben seiner literarischen Arbeit unterrichtet er literarisches Schreiben und tritt regelmässig in Gesprächen, Lesungen und Workshops auf. Zuletzt erhielt er das Atelierstipendium Budapest 2027/28 der Landis & Gyr Stiftung.