Warum Jean Ziegler auf Englisch nie ankam
Jean Ziegler ist vergangene Woche im Alter von 92 Jahren verstorben. In der Schweiz, in Frankreich und in Deutschland wurde sein Tod breit gewürdigt. Zeitungen blickten auf sein Werk zurück, Politikerinnen und Politiker erinnerten an sein Engagement, und viele Leserinnen und Leser griffen erneut zu Büchern, die über Jahrzehnte Debatten über Hunger, Verschuldung und globale Ungleichheit geprägt haben.
Im englischsprachigen Raum blieb die Resonanz vergleichsweise verhalten.
Das überrascht angesichts seiner internationalen Bedeutung. Kaum ein Schweizer Autor seiner Generation wurde in so viele Sprachen übersetzt. Seine Bücher erschienen in rund zwanzig Ländern und fanden weit über den französischsprachigen Raum hinaus ein Publikum. Ausgerechnet auf dem Markt, der den internationalen Buchhandel heute dominiert, konnte sich sein Werk jedoch nie dauerhaft etablieren.
Ein Autor der Strukturen
In Büchern wie L’Empire de la honte, Destruction massive, Où est l’espoir? schrieb Jean Ziegler über Hunger, Schulden, die Macht der Finanzmärkte und die Mechanismen einer Weltwirtschaft, die Wohlstand und Not oft gleichzeitig hervorbringt. Als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung war er fünfzehn Jahre lang mit den Folgen dieser Verhältnisse konfrontiert. Seine Bücher entstanden nicht am Schreibtisch allein, sondern aus einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit den politischen und wirtschaftlichen Strukturen, die er kritisierte.
Charakteristisch für sein Werk war die Perspektive. Viele politische Sachbücher erzählen von einzelnen Schicksalen, um grössere Entwicklungen sichtbar zu machen. Ziegler wählte meist den umgekehrten Weg. Sein Interesse galt Institutionen, Märkten und politischen Strukturen. Verantwortung erschien bei ihm selten als Frage individueller Schuld, sondern verteilte sich auf Staaten, Unternehmen, Finanzinstitutionen und auf jene Gesellschaften, die von bestehenden Verhältnissen profitierten.
Gerade darin lag die Besonderheit seiner Bücher. Sie waren für ein breites Publikum zugänglich, ohne ihre intellektuelle Ambition aufzugeben. Ihre Argumente lebten nicht von der Suche nach einzelnen Schuldigen, sondern von dem Versuch, Zusammenhänge sichtbar zu machen, die im Alltag leicht übersehen werden.
Diese Haltung machte Ziegler zu einer umstrittenen Figur. Für die einen war er eine unverzichtbare Stimme, für die anderen ein notorischer Provokateur. Während er in der Schweiz oft polarisiert wahrgenommen wurde, entwickelte er sich in Frankreich zu einem öffentlichen Intellektuellen von nationaler Bedeutung. Seine Karriere zeigt, wie stark die Wahrnehmung eines Autors vom kulturellen Umfeld abhängt, in dem er gelesen wird.
EIn internationales Publikum
Dass Zieglers Werk international Resonanz fand, steht ausser Frage.
Vor allem im deutschsprachigen Raum stiessen seine Bücher über Jahrzehnte auf ein grosses und treues Publikum. Übersetzungen erschienen unter anderem auf Italienisch, Spanisch und Kroatisch. Seine Bücher wurden diskutiert, neu aufgelegt und von Verlagen begleitet, die bereit waren, sein Werk langfristig sichtbar zu halten.
Für einen Autor aus der Romandie ist das keineswegs selbstverständlich. Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus der französischsprachigen Schweiz verfügen nicht über dieselben institutionellen Netzwerke wie ihre Kolleginnen und Kollegen in Frankreich oder Deutschland. Dass Ziegler über die Landesgrenzen hinaus zu einer bekannten intellektuellen Stimme wurde, verdankte sich der Kraft seiner Argumente ebenso wie Verlagen, die bereit waren, diese über Jahre hinweg zu tragen.
Gerade deshalb fällt auf, dass sein Werk in vielen Ländern erfolgreich Grenzen überquerte, im englischsprachigen Raum jedoch nie eine vergleichbare Wirkung entfalten konnte.
Die englischsprachige Ausnahme
Warum Jean Ziegler im englischsprachigen Raum nie dieselbe Resonanz fand wie in Deutschland, Frankreich oder Italien, lässt sich nicht eindeutig beantworten.
Ein Grund dürfte in der Art liegen, wie politische Sachbücher dort traditionell erzählt werden. Vor allem in den USA funktionieren viele erfolgreiche Non-Fiction-Titel über einzelne Schicksale, starke Figuren und eine klare Dramaturgie. Ziegler interessierte sich für etwas anderes. Im Zentrum seiner Bücher standen Institutionen, Finanzmärkte und globale Machtverhältnisse. Er fragte nicht in erster Linie, wer verantwortlich war, sondern wie bestimmte Zustände überhaupt entstehen und weshalb sie als selbstverständlich akzeptiert werden.
Hinzu kommt die besondere Situation der französischsprachigen Schweiz. Anders als Frankreich oder Deutschland verfügt sie über keine gewachsenen Strukturen, die Autorinnen und Autoren regelmässig auf internationale Märkte begleiten. Wer aus Genf oder Lausanne schreibt, gelangt nicht automatisch in die Programme grosser Verlage in London oder New York. Internationale Sichtbarkeit muss meist mühsam erarbeitet werden.
Und vielleicht gibt es noch einen weiteren Grund. Manche Bücher scheitern nicht an ihrer literarischen Qualität und auch nicht an mangelnder Relevanz. Sie finden schlicht nicht die Menschen, die bereit sind, sich mit Überzeugung für sie einzusetzen.
Zieglers Bücher verlangten ihren Leserinnen und Lesern einiges ab. Sie stellten die Vorstellung infrage, dass Wohlstand und globale Ungleichheit voneinander getrennt betrachtet werden können. Sie machten Zusammenhänge sichtbar, die unangenehm sind, gerade weil sie nicht weit entfernt stattfinden. Solche Bücher werden selten ausdrücklich zurückgewiesen. Häufig fehlt einfach die Bereitschaft, sie mit derselben Entschlossenheit zu vertreten wie andere Titel.
Doch Bücher reisen nicht von allein. Sie brauchen Verleger, Übersetzerinnen und Übersetzer, Agenten und Fürsprecher. Fehlen sie, bleiben selbst wichtige Stimmen oft dort, wo sie entstanden sind.
Die Frage, die bleibt
Jean Zieglers Bücher gehören keineswegs der Vergangenheit an. Die Themen, über die er schrieb, wirken heute vielerorts dringlicher als zu jener Zeit, als er sie erstmals aufgriff. Hunger, Verschuldung und globale Ungleichheit sind keine ungelösten Probleme geblieben. In mancher Hinsicht haben sie sich verschärft.
Sein Tod lädt dazu ein, dieses Werk neu zu lesen. Vielleicht ist er aber auch ein Anlass, über die Wege nachzudenken, auf denen Bücher internationale Leserinnen und Leser erreichen.
Denn Qualität allein erklärt selten, weshalb ein Buch Grenzen überschreitet. Ob ein Text übersetzt, verlegt und gelesen wird, hängt von vielen Entscheidungen ab, die lange vor seinem Erscheinen getroffen werden. Von Übersetzerinnen und Übersetzer, die an ihn glauben. Von Verlagen, die bereit sind, Risiken einzugehen. Von Menschen, die überzeugt sind, dass ein Buch auch ausserhalb seines Ursprungsmarktes gelesen werden sollte.
Für alle, die im internationalen Literaturbetrieb arbeiten, gehört das zum Alltag. Welche Stimmen werden gehört? Welche verschwinden? Und welche Bücher hätten vielleicht ein grösseres Publikum gefunden, wenn sich jemand im richtigen Moment für sie eingesetzt hätte?
Jean Ziegler gehörte zu den international meistgelesenen Schweizer Autoren seiner Generation. Dass seine Bücher gerade im englischsprachigen Raum nie wirklich Fuss fassen konnten, gehört zu den aufschlussreichsten Widersprüchen seiner internationalen Karriere.
Jean Ziegler, 1934–2026.
