Warum kleine Länder bei Übersetzungen so erfolgreich sind

Norwegen hat rund 5,65 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. In der Schweiz leben rund 9 Millionen Menschen, etwa 62 Prozent davon in der Deutschschweiz. Damit sind die Bevölkerungszahlen erstaunlich ähnlich. Beide Länder haben gut funktionierende Strukturen entwickelt, um ihre Literatur über die eigenen Grenzen hinauszubringen, doch die Gründe dafür sind nicht ganz dieselben.

Denn «kleines Land» bedeutet in diesem Fall zwei unterschiedliche Dinge. Norwegische Autorinnen und Autoren schreiben in einer Sprache mit einer vergleichsweise kleinen weltweiten Leserschaft. Deutschschweizer Autorinnen und Autoren teilen ihre Sprache dagegen mit zwei wesentlich grösseren Nachbarmärkten, Deutschland und Österreich. Gleichzeitig schreiben sie innerhalb einer nationalen Verlagslandschaft, die überschaubar bleibt und im eigenen Land nur eine begrenzte Reichweite hat.

Im einen Fall ist die Sprache klein, im anderen ist es der Markt innerhalb eines grossen Sprachraums. Beides führt dazu, dass die gesamte Buchbranche früh über die eigenen Grenzen hinausdenkt, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Wenn der eigene Markt nicht ausreicht

Für eine norwegische Autorin oder einen norwegischen Autor ist die Grenze strukturell bedingt: Selbst ein Buch, das im eigenen Land sehr gut aufgenommen wird, kann eine zu kleine Auflage erreichen, um darauf langfristig eine Karriere aufzubauen, denn die Zahl der potenziellen Leserinnen und Leser ist durch die Grösse des Sprachraums begrenzt.

Für Deutschschweizer Autorinnen und Autoren sieht die Situation anders aus. Ihre Sprache reicht weit über die Landesgrenzen hinaus. Die Schweizer Verlagslandschaft selbst, ihre Verlage und ihre mediale Aufmerksamkeit, ist jedoch auf ein kleines Land ausgerichtet. Wer in der Schweiz erfolgreich ist, findet deshalb nicht automatisch auch in Deutschland ein Publikum, obwohl dort der weitaus grösste Teil der deutschsprachigen Leserschaft lebt.

In beiden Fällen wird der Blick ins Ausland deshalb relativ schnell zur Notwendigkeit. Das beeinflusst von Anfang an, wie ein Buch positioniert und angeboten wird. Wer in einem solchen Umfeld als Agentur arbeitet, denkt früher darüber nach, wo ein Titel international seinen Platz finden könnte, als in einem Markt, der gross genug ist, um ein Buch allein zu tragen.

Förderung als entscheidender Faktor

Mehrere kleinere Länder fördern Übersetzungen gezielt. Die vom norwegischen Kulturministerium finanzierte Organisation NORLA hat seit 1978 die Übersetzung von mehr als 2000 norwegischen Büchern in über 50 Sprachen unterstützt. In der Schweiz fördert Pro Helvetia Übersetzungen zeitgenössischer Schweizer Literatur und übernimmt dafür Übersetzungskosten ausländischer Verlage.

Für ausländische Verlage können solche Förderungen den entscheidenden Unterschied machen. Eine Übersetzung kostet Geld, bevor auch nur ein einziges Buch verkauft ist. Werden die Übersetzungskosten ganz oder teilweise übernommen, kann ein Titel, bei dem ein Verlag zunächst zögert, plötzlich doch interessant werden.

Welche Bücher übersetzt werden, hängt deshalb nicht allein von ihrer literarischen Qualität ab. Entscheidend ist auch, welche Projekte sich finanziell umsetzen lassen. Länder, die diese Hürde gezielt senken, sind mit ihrer Literatur im Ausland stärker vertreten.

Kleine Märkte, kurze Wege

Weder Norwegen noch die Schweiz haben eine einfache, zentralisierte Verlagslandschaft. In der Schweiz kommt hinzu, dass sie sich auf vier Landessprachen verteilt und stark von unabhängigen Verlagen geprägt ist.

Was beide Märkte jedoch verbindet, sind die kurzen Wege. Die Zahl der Agenturen und Übersetzerinnen und Übersetzer ist überschaubar. Man kennt sich, begegnet sich auf denselben Buchmessen und hört oft über dieselben Netzwerke von einem neuen Manuskript.

Das hat einen ganz praktischen Effekt. Wer als ausländischer Verlag oder Agentur einen kleineren Markt beobachtet, hat weniger Anlaufstellen und weniger Personen, die man fragen muss. Ein starkes Buch spricht sich in einer kleinen, gut vernetzten Szene oft schneller herum als in einem riesigen Markt.
Grössere Märkte bringen zwar insgesamt mehr Bücher hervor, aber gerade diese Menge kann dazu führen, dass Titel untergehen, die für einen ausländischen Verlag besonders interessant wären.

Ein Buch öffnet dem nächsten die Tür

«Nordic Noir» wurde international nicht wegen eines einzelnen Autors oder einer einzelnen Autorin erfolgreich. Innerhalb relativ kurzer Zeit erreichten genügend Krimis aus Skandinavien ein internationales Publikum, sodass daraus eine erkennbare Kategorie wurde, nach der ausländische Verlage gezielt suchten.
Von diesem Moment an profitierte jedes neue Buch aus der Region ein Stück weit von dem Publikum, das die vorherigen bereits aufgebaut hatten.

Die Schweiz hat keine vergleichbare Kategorie geschaffen, wie es Skandinavien mit dem Krimi gelungen ist. Der gleiche Mechanismus funktioniert aber auch im Kleinen: Hat ein ausländischer Verlag mit einem Schweizer Titel gute Erfahrungen gemacht, beginnt die nächste Einreichung aus der Schweiz unter besseren Voraussetzungen.

Warum der Blick ins Ausland selbstverständlich wird

All das heisst nicht, dass Bücher aus kleinen Märkten automatisch besser sind oder dass norwegische und Schweizer Autorinnen und Autoren mit Blick auf den Export schreiben.

Entscheidend ist vielmehr das Zusammenspiel verschiedener Faktoren: eine begrenzte Leserschaft oder ein kleiner Heimmarkt, Fördermittel, die einen Teil der Übersetzungskosten auffangen, und ein engeres professionelles Netzwerk. Zusammen sorgen sie dafür, dass mehr Bücher den Weg ins Ausland finden und dass die praktischen Hürden dafür kleiner werden.

Norwegen und die Schweiz befinden sich dabei nicht in derselben Situation, haben aber eine Sache gemeinsam: Wer klein genug ist, um auf die Welt angewiesen zu sein, kann genau daraus einen Vorteil machen.

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