Internationale Buchrechte: Was wirklich dahintersteckt
Fragt man jemanden ausserhalb der Verlagswelt, was eine Agentur für internationale Buchrechte eigentlich macht, lautet die Antwort oft ungefähr so: «Ihr sorgt dafür, dass Bücher übersetzt werden.» Das ist eine naheliegende Vermutung. Und grösstenteils falsch.
Die Übersetzung ist das sichtbare Ergebnis. Die Arbeit eines Agenten oder einer Agentin beginnt viel früher und hat weniger mit Sprache zu tun als damit, das richtige Buch mit dem richtigen Verlag zusammenzubringen.
Was wird eigentlich verkauft?
Bei einem internationalen Lizenzgeschäft wird das Recht vergeben, ein Buch in einem anderen Markt zu veröffentlichen. Ein Verlag erhält damit für einen bestimmten Zeitraum die Erlaubnis, eine eigene Ausgabe herauszubringen und zu vertreiben: in der eigenen Sprache, mit einem eigenen Cover. Die ursprünglichen Rechte bleiben beim Verlag oder bei der Autorin bzw. dem Autor. Weitergegeben wird lediglich die Lizenz.
Dieser Unterschied ist in der Praxis entscheidend. Deshalb kann dasselbe Buch auf Deutsch einen anderen Titel tragen als im Original, in Frankreich mit einem völlig anderen Cover erscheinen und je nach Markt sogar ein anderes Nachwort haben. Verkauft wird nicht einfach eine Übersetzung, sondern das Recht, ein Buch innerhalb der vereinbarten Grenzen für einen neuen Markt neu zu interpretieren.
Die Rolle der Agentur
Ein grosser Teil der Arbeit besteht darin, das richtige Buch mit dem richtigen Verlag zusammenzubringen. Eine gute Agentur weiss, welche internationalen Verlage bestimmte Arten von Büchern in ihrem Programm führen und welche gerade so viele Titel eines Genres eingekauft haben, dass ein weiterer vorerst kaum infrage kommt. Auch Lektorinnen und Lektoren haben ihre eigenen Vorlieben, oft aus Gründen, die wenig mit dem Text selbst zu tun haben.
All das steht in keiner Katalogbeschreibung. Dieses Wissen entsteht durch Beziehungen und dadurch, verschiedene Buchmärkte laufend zu beobachten. Märkte, die sich unabhängig voneinander entwickeln, nicht immer vorhersehbar und nie völlig transparent. Aber gut genug, um aus zweihundert möglichen Verlagen vielleicht fünfzehn zu machen, bei denen sich ein Pitch tatsächlich lohnt.
Natürlich kann man ein Buch auch ohne diese Vorarbeit anbieten. Besonders effizient ist es jedoch nicht. Viele Manuskripte landen bei Lektorinnen und Lektoren, die ohnehin nie zugesagt hätten, aus Gründen, die mit der Qualität des Buches überhaupt nichts zu tun haben.
Warum «universell» nicht immer besser ist
Hartnäckig hält sich die Vorstellung, dass Bücher international bessere Chancen haben, wenn sie möglichst «universell» sind. Doch Universalität ist nicht dasselbe wie Neutralität. Nimmt man einem Buch zu viel von seiner lokalen Eigenheit, kann es im Ausland sogar schwieriger zu positionieren sein. Denn plötzlich gibt es weniger, woran eine Lektorin oder ein Lektor seine Besonderheit festmachen und intern für den Ankauf argumentieren kann.
Nehmen wir einen Roman, der tief in Neapel verwurzelt ist, in seinen Strassen und seinem Dialekt. Und daneben einen Beziehungsroman ohne klaren Ort, dessen Handlung genauso gut in jeder beliebigen Stadt spielen könnte.
Auf den ersten Blick scheint der Roman aus Neapel der schwierigere Export zu sein: lokaler, erklärungsbedürftiger, aufwendiger für ein internationales Publikum einzuordnen. In der Praxis kann genau diese Eigenheit der Grund sein, warum ein deutscher oder niederländischer Verlag ihn kaufen möchte. Er bringt etwas mit, das der eigene Markt nicht bereits bietet. Der ortlose Roman hingegen muss allein über seine literarische Qualität überzeugen und konkurriert dabei mit all den vergleichbaren Büchern, die bereits auf den Listen ausländischer Lektorinnen und Lektoren stehen.
Und genau hier widerspricht die Praxis oft der Intuition: Wer ein Buch glättet, damit es international leichter funktioniert, kann damit genau das Gegenteil erreichen.
In der Praxis
Für Autorinnen und Autoren bedeutet das: Ein Buch muss nicht geglättet oder neutralisiert werden, um sich im Ausland zu verkaufen. Was im eigenen Markt vielleicht wie ein Nachteil wirkt, kann anderswo genau das Verkaufsargument sein.
Für Verlage bedeutet es, dass der Wert einer Agentur weit über internationale Kontakte hinausgeht. Entscheidend ist die Einschätzung: Welcher Verlag passt zu diesem Buch? Und warum könnte gerade dieser Titel gerade jetzt für sie interessant sein?
Verträge, Bedingungen und Royalties sind das, was am Ende schriftlich festgehalten wird. Doch bevor es überhaupt so weit kommt, muss jemand erkennen, wo ein Buch hinpasst: warum gerade dieses Buch mit all seinen Eigenheiten auch in einem anderen Markt funktionieren kann.
