Die Erfindung der Schweizer Literatur

Was genau ist eigentlich Schweizer Literatur? Diese Frage begegnet mir immer wieder, meist im Gespräch mit ausländischen Verlagen. Sie klingt zunächst einfach, lässt sich aber kaum in einem Satz beantworten. Denn genau genommen gibt es die Schweizer Literatur nicht. Es gibt mindestens vier Literaturen – eine deutsch-, französisch-, italienisch- und rätoromanischsprachige. Sie existieren nebeneinander, haben ihre eigenen Verlage, Preise, Medien und Leserschaften und begegnen sich weit seltener, als man in einem so kleinen Land vermuten würde.

Für mich ist das keine theoretische Überlegung, sondern Alltag. Ich bin mit einer Deutschschweizer Mutter und einem kroatischen Vater in der Romandie aufgewachsen. Französisch war die Sprache der Schule und meiner Freundschaften. Gelesen habe ich jedoch auf Deutsch. Schweizerdeutsch war die Sprache meiner Familie, französischsprachige Literatur begegnete mir zunächst vor allem im Unterricht. Kroatisch wiederum blieb die Sprache eines anderen Teils meiner Herkunft, näher am Gespräch als am Bücherregal.

Wer mit mehreren Sprachen aufwächst, bewegt sich zwangsläufig auch zwischen verschiedenen literarischen Welten. In der Schweiz begegnen sich diese Welten allerdings erstaunlich selten. Deutschschweizer und Romands lesen unterschiedliche Autorinnen und Autoren, sie veröffentlichen bei verschiedenen Verlagen, werden in anderen Feuilletons besprochen und erreichen weitgehend getrennte Leserinnen und Leser. Von aussen wirkt diese Fragmentierung oft wie eine Besonderheit eines kleinen Landes. Wer jedoch mit Schweizer Literatur arbeitet, weiss, dass sie zum Alltag gehört.

Ein Land teilt sich
einen Pass, liest aber
in unterschiedlichen Welten.

Ein Land, vier Literaturen

Wer ausserhalb der Schweiz an Schweizer Literatur denkt, verbindet sie meist mit wenigen bekannten Namen, und manchmal nicht einmal mit schweizerischen. Wilhelm Tell ist bis heute die bekannteste literarische Figur des Landes. Erfunden wurde sie allerdings von Friedrich Schiller, der die Schweiz nie betreten hat.

Dass ausgerechnet ein deutscher Dramatiker den wohl langlebigsten Schweizer Nationalmythos geschaffen hat, ist mehr als eine historische Kuriosität. Es zeigt, wie schwer sich die Schweizer Literatur seit jeher damit tut, ihre eigene Vielfalt sichtbar zu machen.

Doch dieses Bild greift zu kurz.

Die deutschsprachige Schweiz ist die grösste der vier Literaturen des Landes und profitiert von ihrer Nähe zu den deutschen und österreichischen Buchmärkten. Die deutschsprachige Schweiz ist die grösste der vier Literaturen des Landes und profitiert von ihrer Nähe zu den deutschen und österreichischen Buchmärkten. Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt etablierten die deutschsprachige Schweizer Literatur in den Nachkriegsjahrzehnten als ernstzunehmende internationale Größe. Frischs «Stiller» und Dürrenmatts «Besuch der Alten Dame» wurden in den europäischen Kanon aufgenommen und haben dort ihren Platz behalten. Charles Lewinskys «Melnitz», die Geschichte einer jüdisch-schweizerischen Familie über mehrere Generationen erzählt, gehört zu den eindrücklichsten Beispielen dafür, wie deutschsprachige Schweizer Literatur ein internationales Publikum finden kann. Der Roman wurde mit dem Prix du meilleur livre étranger in Frankreich und dem Best Foreign Novel Prize in Peking ausgezeichnet, bevor 2015 bei Atlantic Books die englische Übersetzung von Shaun Whiteside erschien. Whiteside wurde dafür für den renommierten den Oxford-Weidenfeld-Preis nominiert. Auch Lewinskys spätere Romane, darunter «Gerron» und «Der Halbbart» standen auf den Shortlists wichtiger Schweizer und deutscher Literaturpreise. Heute zählt er zu den international sichtbarsten Stimmen der deutschsprachigen Schweizer Gegenwartsliteratur. Dass diese Tradition weiterlebt, zeigt auch eine jüngere Generation von Autorinnen und Autoren. Dorothee Elmiger gewann für «Die Holländerinnen» gleich den Deutschen, den Bayerischen und den Schweizer Buchpreis – eine Aufmerksamkeit, die häufig der Ausgangspunkt für Gespräche über Übersetzungen und internationale Rechte ist. Auch der seit 2008 verliehene Schweizer Buchpreis hat wesentlich dazu beigetragen, die Sichtbarkeit der deutschschweizerischen Literatur zu stärken. Karl Rühmanns «Der Held», den VRAP international vertritt, stand 2020 auf der Shortlist.

Eine Besonderheit der Deutschschweiz bleibt dabei oft unerwähnt: Auch die Dialekte haben ihren Platz in der Literatur. Obwohl es keine einheitliche Schriftsprache gibt und sich die Mundarten von Kanton zu Kanton unterscheiden, entstehen seit Jahrzehnten Werke, die bewusst im Dialekt geschrieben sind. Pedro Lenz gehört zu den bekanntesten Vertretern dieser Tradition. Er schreibt konsequent auf Berndeutsch. Sein Roman «Der Goalie bin ig» wurde in zehn Sprachen übersetzt, darunter auch ins Englische als «Naw Much of a Talker»  ein bemerkenswerter Erfolg. Denn Dialekt lässt sich kaum eins zu eins übertragen. Jede Übersetzung muss neu entscheiden, wie sich Sprachrhythmus, soziale Herkunft und kulturelle Färbung in einer anderen Sprache erzählen lassen.

In der Romandie stellt sich die Situation noch einmal anders dar. Charles Ferdinand Ramuz gilt als eine der Gründungsfiguren der französischsprachigen Schweizer Literatur, ist aber selbst innerhalb der Schweiz nicht allgemein bekannt. Bei der Recherche zu diesem Artikel stiess ich auf einen Kommentar eines Deutschschweizers, der erzählte, während seiner gesamten Schulzeit kein einziges Werk einer Schweizer Autorin oder eines Schweizer Autors gelesen zu haben. Im Unterricht standen deutsche Klassiker auf dem Lehrplan, Schweizer Literatur kam praktisch nicht vor. Ramuz war ihm bis dahin völlig unbekannt. 
Die Reaktionen darauf waren bezeichnend. Ramuz, hiess es, zierte einst eine Schweizer Briefmarke und eine Banknote, schrieb das Libretto zu Strawinskys L'Histoire du soldat und gilt als einer der wichtigsten Autoren des Landes. Ob im Gegenzug ein deutschsprachiger Schweizer Schriftsteller je eine vergleichbare nationale Präsenz erreicht habe? Und wurden im Unterricht wenigstens Autorinnen und Autoren aus dem Tessin oder dem rätoromanischen Sprachraum behandelt?
Diese Diskussion macht ein grundlegendes Problem sichtbar. Die Schweiz verfügt über eine aussergewöhnlich reiche literarische Tradition. Was ihr oft fehlt, ist nicht die Literatur selbst, sondern ihre Vermittlung, manchmal sogar innerhalb der eigenen Landesgrenzen.
Dass in derselben Diskussion ausgerechnet Wilhelm Tell als bekannteste literarische Figur der Schweiz genannt wurde, passt beinahe ins Bild. Denn auch Tell stammt bekanntlich nicht aus der Feder eines Schweizer Autors, sondern von Friedrich Schiller.

Auch die französischsprachige Schweiz hat Autorinnen und Autoren hervorgebracht, die weit über die Landesgrenzen hinaus gelesen werden, allerdings meist über den französischen Buchmarkt. Jacques Chessex erhielt 1973 für den «L’Ogre» als bislang einziger Schweizer den Prix Goncourt. Jean Ziegler wiederum schuf eines der einflussreichsten politischen Werke seiner Generation und fand in weiten Teilen Europas ein grosses Publikum, während er im englischsprachigen Raum bis heute vergleichsweise wenig wahrgenommen wird (ein Thema, dem ich auf VRAP bereits einen weiteren Artikel gewidmet habe). Zu den jüngeren Stimmen gehört Sarah Jollien-Fardel aus dem Wallis. Ihr Debütroman «Sa préférée» wurde 2022 und 2023 mit vier Literaturpreisen ausgezeichnet, darunter dem Prix du Roman Fnac, dem Choix Goncourt de la Suisse und dem Prix Goncourt des détenus. Sie zeigen, dass das Interesse an französischsprachiger Schweizer Literatur durchaus vorhanden ist, vorausgesetzt, sie findet den Weg zu ihren Leserinnen und Lesern.

Auch die italienischsprachige Schweiz hat eine eigenständige literarische Tradition hervorgebracht – kleiner als jene der beiden grossen Sprachregionen, aber nicht weniger prägend. Fleur Jaeggy lebt in Mailand und war mit dem dem Adelphi-Verleger Roberto Calasso verheiratet. Ihre Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. The Times Literary Supplement wählte ihren Roman «Proleterka» zu einem der besten Bücher, «Süsswasser» gewann den Premio Bagutta, und 2025 erhielt sie den Grand Prix suisse de Littérature. Auf Englisch erscheint sie bei And Other Stories. Sie gehört heute zu den international bekanntesten lebenden Schweizer Autorinnen, doch ihre Laufbahn entstand vor allem im italienischen und englischsprachigen Literaturbetrieb, nicht im schweizerischen.

Kaum eine der vier Schweizer Literaturen macht die Besonderheit des Landes so deutlich wie das Rätoromanische. Weniger als 60'000 Menschen sprechen die Sprache in den Bündner Tälern, und dennoch reicht ihre literarische Tradition bis in die Reformationszeit zurück und wird bis heute von eigenen Verlagen getragen. Chasa Editura Rumantscha ist der einzige Verlag, der ausschliesslich auf Rätoromanisch publiziert. Die Zürcher Edition Mevina Puorger, gegründet von der Romanistin Mevina Puorger, widmet sich Neuauflagen vergriffener rätoromanischer Klassiker ebenso wie zeitgenössischen Stimmen. Oscar Peer, einer der bedeutendsten rätoromanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, veröffentlichte bei beiden Verlagen. Wie sehr diese Literatur vom Engagement Einzelner abhängt, zeigt sich bis heute. Gianna Olinda Cadonau wurde mit Unterstützung der Schweizer Botschaft in Madrid ins Spanische übersetzt. Die Literaturkritikerin und Herausgeberin Ruth Gantert schlägt seit mehr als zwanzig Jahren Brücken zwischen den Sprachregionen der Schweiz, übersetzt aus dem Französischen und dem Rätoromanischen ins Deutsche und verantwortete über viele Jahre das dreisprachige Literaturjahrbuch Viceversa. Für ihre Übersetzung von Flurina Badels Roman «Tschiera» erhielt sie 2025 einen Werkbeitrag des Kantons Zürich – ein seltenes Beispiel dafür, wie ein Werk aus dem rätoromanischen Sprachraum durch eine deutsche Übersetzung auch innerhalb der Schweiz ein neues Publikum findet.

Flurina Badel dürfte heute international die bekannteste Autorin des rätoromanischen Sprachraums sein. Sie arbeitet an der Schnittstelle von Literatur, bildender Kunst und Performance. Ihre Werke sind auf Französisch, Spanisch und Englisch erschienen. Gerade Letzteres ist bemerkenswert, denn es gibt kaum Übersetzerinnen und Übersetzer, die überhaupt aus dem Rätoromanischen ins Englische arbeiten.

Ein gewachsenes Netzwerk, gezielte Förderprogramme oder eine kritische Öffentlichkeit, die rätoromanische Literatur im englischsprachigen Raum kontinuierlich begleitet, existieren bislang nicht. Wo rätoromanische Literatur Sprachgrenzen überschreitet, geschieht das meist nicht dank bestehender Strukturen, sondern weil einzelne Menschen sich dafür einsetzen.

Was Literaturpreise zeigen

Auch die Schweizer Literaturpreise spiegeln diese sprachliche Vielfalt wider, allerdings nicht immer auf dieselbe Weise.
Der Schweizer Buchpreis, die bedeutendste literarische Auszeichnung des Landes, steht zwar Autorinnen und Autoren aus allen Sprachregionen offen, berücksichtigt jedoch ausschliesslich Werke in deutscher Sprache. Eine Schriftstellerin aus der Romandie oder ein Autor aus dem Tessin kann den Preis durchaus gewinnen – allerdings nur mit einem Buch, das nicht in der eigenen Muttersprache verfasst wurde. Der Preis trägt den Namen des Landes, zeichnet in der Praxis jedoch die deutschsprachige Schweizer Literatur aus.

Anders der Grand Prix suisse de Littérature, den das Bundesamt für Kultur jährlich vergibt. Er steht Werken in allen vier Landessprachen und ihren Dialekten offen, vergibt Preisgelder von 25'000 Franken und würdigt alle zwei Jahre auch herausragende Übersetzungen. 2026 ging der Grand Prix an die Waadtländer Autorin Corinne Desarzens. Gemeinsam zeigen diese beiden Auszeichnungen, wie unterschiedlich Mehrsprachigkeit im Schweizer Literaturbetrieb verstanden wird: Die eine feiert die Literatur eines Sprachraums, die andere die literarische Vielfalt des Landes.

Auch Pro Helvetia unterstützt ausländische Verlage bei der Übersetzung von Schweizer Literatur. Diese Förderbeiträge nehmen einen Teil des finanziellen Risikos und können den Ausschlag geben, dass ein Buch überhaupt übersetzt wird. Doch sie erreichen nur einen kleinen Teil der Titel und bleiben ausserhalb der Branche weitgehend unbekannt. Die Voraussetzungen sind vorhanden, was fehlt, ist ein System, das sie miteinander verbindet.

Wie weiter?

Wie sich die internationale Sichtbarkeit der Schweizer Literatur stärken lässt, darauf gibt es keine einfache Frage. Entscheidend ist das Zusammenspiel vieler kleiner Schritte. Übersetzerinnen und Übersetzer müssten Schweizer Literatur aktiver vermitteln, statt darauf zu warten, dass Verlage auf sie zukommen. Verlage in London oder New York müssten bereit sein, das Etikett Schweiz nicht länger auf Berge, Uhren und Schokolade zu reduzieren. Und auch im internationalen Rechtehandel wäre mehr gewonnen, wenn die Schweizer Literatur als Ganzes gedacht würde statt nur aus der Perspektive einer einzelnen Sprachregion.
Ebenso wichtig ist der Blick nach innen. Wer in der Romandie aufwächst, sollte Max Frisch kennenlernen. Wer in Zürich zur Schule geht, sollte Charles Ferdinand Ramuz lesen. Und beide sollten Flurina Badel begegnen. Solange die Literaturen des Landes selbst kaum miteinander in Berührung kommen, wird es auch im Ausland schwer sein, sie als Teil eines gemeinsamen Ganzen wahrzunehmen.
Am Ende geht es weniger um Förderprogramme oder Literaturpreise als um eine Haltung. Es geht um eine grundsätzliche Frage: Will die Schweiz ihre literarische Vielfalt als Teil ihrer kulturellen Identität erzählen? Oder begnügt sie sich damit, sie zu verwalten?

Die Schweiz wird nie über die verlegerischen Strukturen Frankreichs oder Deutschlands verfügen. Aber vielleicht muss sie das auch gar nicht. Was sie besitzt, sind vier Literaturen, die sich gegenseitig ergänzen, widersprechen und bereichern und gerade deshalb etwas Eigenständiges bilden.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke der Schweizer Literatur: nicht in einer gemeinsamen Stimme, sondern in vier unterschiedlichen, die viel häufiger gemeinsam gehört werden sollten.

 

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