Distanz als Handwerk - Ein Gespräch mit Karl Rühmann
Der Schweizer Autor Karl Rühmann ist derzeit Writer in Residence im Literaturhaus Niederösterreich in Stein/Krems, Österreich, ein Aufenthalt, der im Rahmen des Austauschprogramms zwischen dem A*dS (Schweizer Autor:innenverband) und dem Literaturhaus NÖ stattfindet, unterstüzt von Pro Helvetia. Wir haben ihn in den ersten Wochen seiner Residenz befragt: über das Schreiben in der Fremde, die neue Sprache jedes Romans, und die Frage, was es bedeutet, Figuren so viel Raum zu geben, dass sie einem das Leben schwermachen.
Du bist mit einem neuen Buchprojekt nach Krems gekommen. Wie hast du die ersten Tage am neuen Arbeitsort erlebt? Passt der Schreibtisch?
„Alles ist gut angelaufen“, sagt Rühmann. „Julia, Marie-Theres, Klaus und Michael kümmern sich gut um mich, und meine Nachbarinnen und Nachbarn hier in den Ateliers sind sehr liebe Menschen und faszinierende Künstlerinnen und Künstler.“
Das Atelier liegt im ehemaligen Fabrikgebäude der Teppichfabrik Eybl, heute ein freundlich weitläufiger Kulturbau nahe der Donau. Die Cafés sind nicht weit, versichert er. Ein Detail, das bei einem Schreibenden mehr bedeutet, als es klingt.
„Wer Fiktion schreibt, darf kein allzu netter Mensch sein.“
Welche Rolle spielen Landschaft, Atmosphäre und Umgebung für deine Arbeit? Beeinflusst ein Ort wie Krems den Schreibprozess?
„Erfahrungsgemäß bringen mich neue Orte auf neue Ideen, und die kann ich zur Zeit sehr gut gebrauchen. Krems ist insofern besonders, als es viele Museen und Galerien gibt, die Ruhe und Intensität zugleich ausstrahlen. Das ist für den Schaffensprozess von großer Bedeutung. Auch der lange Spazierweg entlang der Donau ist wichtig: Da kann ich dann Selbstgespräche mit meinen Figuren führen.“
Der Satz bleibt hängen. Selbstgespräche mit seinen Figuren - das ist keine Metapher, sondern Arbeitsbeschreibung. Rühmann ist ein Autor, der seinen Figuren nachläuft, ihnen zuhört, sie reden lässt, auch wenn sie ihn in unbequeme Richtungen führen.
„Neue Orte bringen mich auf neue Ideen, und die kann ich zur Zeit sehr gut gebrauchen.“
In „Matija Katun und seine Söhne“ kreist alles um die Frage, wer eine Geschichte erzählt und ob das eine Rolle spielt. Verändert ein Ortswechsel, wer du als Autor bist?
„Neue Orte können sehr inspirierend sein. Um gut zu schreiben, muss man immer wieder Distanz und Nähe zum eigenen Stoff und den Figuren suchen. Das klingt vielleicht paradox, ist aber fürs Schreiben sehr wichtig. An einem neuen Ort fällt mir diese "Neu-Justierung" leichter.“
Ohne zu viel zu verraten: In welcher Stimmung, in welchem Ton schreibst du gerade?
„Es ist anstrengend, ich habe mir viel vorgenommen. Und wieder einmal denke ich, nur halb im Scherz: Wer Fiktion schreibt, darf kein allzu netter Mensch sein. Ich bin gerade dabei, meinen Figuren Probleme aufzubürden, unter denen sie zerbrechen könnten. Das ist so bedauerlich wie unausweichlich.
Du fragst nach der Stimmung? Etwas zwischen schlechtem Gewissen und Genugtuung. Mir ist wichtig, dass meine Figuren sich selbst äußern, dass sie ihre eigene Stimme finden, authentisch sind. Sie sind für mich echt, ich möchte ihnen so viel Persönlichkeit geben, damit auch meine Leserinnen und Leser sie als lebendig empfinden. Man darf sich über Ingmar Saidl aus meinem Roman «Matija Katun und seine Söhne» ärgern, man darf ihm die Daumen drücken, ihm Erfolg wünschen oder Entlarvung ... Genau so, wie wir es mit Menschen tun, denen wir im Alltag begegnen: Wir setzen uns mit ihnen auseinander.“
"Durch Sprache definieren wir unseren Platz im Raum und in der Zeit - und in meinem Fall auch meine Einstellung zum Erzählten."
Du schreibst auf Deutsch, bewegst dich aber zwischen mehreren Sprachen und kulturellen Kontexten. Verändert ein Ortswechsel auch die Sprache?
„Ich muss für jedes Buch eine neue Sprache erfinden. In Der Heldmusste ich zum Beispiel für die beiden alten Soldaten eine Ausdrucksweise finden, die sich deutlich von der von Ana, der Zivilistin und Soldatenwitwe, unterschied. Oder in Die Wahrheit, vielleicht — reichte es nicht aus, zu behaupten, dass mein Protagonist Felipe ten Holt ein Sprachfanatiker ist; ich musste ihn entsprechend sprechen und denken lassen. In dem neuen Buch ist diese Suche nach der Sprache besonders wichtig, denn meine Figuren befinden sich alle zur selben Zeit am selben Ort und kämpfen jeweils mit einer persönlichen Krise — tun dies jedoch auf ihre eigene Weise und in ihrer eigenen Sprache.
Vielleicht klingt das seltsam, aber der Ortswechsel hilft mir dabei. Durch einen neuen Ort muss ich mich selbst zu einem guten Teil neu definieren. Was gefällt mir, was irritiert mich? Was möchte ich tun, was meiden? Was habe ich gestern halbwegs richtig gemacht, was will ich morgen besser machen? Diese Reflexion über das eigene Handeln gelingt besser an einem neuen Ort, weil er mir solche Gedanken geradezu aufdrängt. Das wirkt sich notgedrungen auf die Sprache. Durch sie definieren wir unseren Platz im Raum und in der Zeit - und in meinem Fall auch meine Einstellung zum Erzählten."
Schreibresidenzen versprechen Ruhe und Konzentration. Wie wichtig sind solche Bedingungen für deine Arbeit tatsächlich?
"Sehr wichtig. Die Abwesenheit der täglichen Pflichten, des Kleinkrams, der wenig Zeit kostet, aber viele Ideen erstickt, ist für mich sehr wichtig."
“Hier möchte ich die Zeit mit meinen Figuren verbringen, mich und sie von der Umwelt ein Stück weit abschotten”
Du unterrichtest literarisches Schreiben und stehst im Austausch mit anderen Autorinnen und Autoren. Setzt sich dieser Austausch auch in Krems fort — oder ist diese Zeit eher Rückzug?
„Der Austausch ist wichtig, allerdings versuche ich mich hier auf mein Buch zu konzentrieren und mich nicht von Problemen und Zweifeln anderer abzulenken. Diese Probleme und Zweifel können zwar auch für die eigene Arbeit fruchtbar sein, sie zwingen einen immer wieder, über das Schreiben nachzudenken. Aber hier möchte ich die Zeit mit meinen Figuren verbringen, mich und sie von der Umwelt ein Stück weit abschotten.“
Etwas anderes ist natürlich der Austausch mit den Künstlerinnen und Künstlern, die - wie ich - hier in der Residenz wohnen. Sie sind gestalterisch unterwegs, ob als Malerinnen, Architektinnen, Filmemacher oder Fotografen. Der Umgang mit ihnen ist sehr inspirierend, die literarische Umsetzung der neuen Erkenntnisse spannend.“
Schreibresidenzen enden. Was bleibt — im Text, in dir?
"Hoffentlich eine neue Geschichte. Noch besser: zwei neue Geschichten. Die Erinnerung an all die Menschen, denen ich hier begegnet bin und noch begegnen werde. Die Orte, die mich inspiriert und vielleicht auch irritiert haben - auch das ist ein Teil des kreativen Prozesses. Viele Bekanntschaften und Freundschaften. Menschen, die ich wiederzusehen hoffe.
Geschichten, von denen ich nicht weiß, ob ich sie oder sie mich gefunden haben."
Karl Rühmanns Residenz in Stein/Krems dauert bis zum 22. Juni 2026. Das Aufenthaltsstipendium wird im Rahmen des Austauschprogramms zwischen dem A*dS und dem Literaturhaus Niederösterreich vergeben, unterstützt durch Pro Helvetia. Im Rahmen seines Aufenthalts in Krems wird Karl Rühmann eine Lesung vor Schulklassen abhalten.
Mehr über Karl Rühmanns Werk unter www.karl-ruehmann.com. Sein neuester Roman, Matija Katun und seine Söhne, sowie seine früheren Werke Glasmurmeln, ziegelrot, Der Held und Die Wahrheit, vielleicht erscheinen im Verlag Rüffer & Rub (Zürich). Für Anfragen zu Rechten, Übersetzungen und Veranstaltungen: info@vrap.ch.
Titelbild: © Franz Noser
Alle übrigen Fotos © Karl Rühmann, Stein/Krems, 2026